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Ludwig Pfau

Die Heliographie


[4:] Photographie auf Papier von Talbot.

Nicht lange nach Daguerre’s Entdeckung waren in Paris eigenthümliche Photographien auf Papier zum Vorschein gekommen, über deren Entstehung Niemand Aufschluß zu geben wußte. Ich erinnere mich einiger dieser Proben, welche zur Zeit die Neugierde lebhaft erregten: rostbraun im Schatten und weißlichgelb im Lichte, hatten sie ein schweflig-brenzliches Aussehen, als ob sie das höllische Feuer belichtet hätte. Sie waren das Werk eines Beamten im Finanzministerium, Namens B a y a r d . Dieser setzte sein mit Chlorsilber getränktes Papier dem Lichte aus, aber nur bis zu einem gewissen Grade; dann tauchte er es in eine Lösung von Jodkali und exponirte es in der Kamera. Die Bildstrahlen bleichten und gelblichten nun die Farbe des Silbersalzes an den beleuchteten Stellen. Schließlich fixirte er den Abdruck mit unterschwefligsaurem Natron. So gelang es ihm, wirkliche Photographien auf Papier hervorzubringen, und zwar direkt positive Bilder bei welchen das Helle den Lichtern und das Dunkle den Schatten entsprach. Da jedoch Bayard, ein Geheimnißkrämer, weder mit seiner Person noch mit seinem Verfahren hervortreten wollte, so blieb er unbekannt und seine Erfindung fruchtlos.

Zu einer desto rascheren Lösung gelangte das Problem als zu Anfang des Jahres 1847 ein Tuchhändler in Lille, Namens B l a n q u a r t – E v r a r d , ein Verfahren zur Herstellung photographischer Bilder auf Papier veröffentlichte, das sich bald als ein vollkommen praktisches erwies. Abgesehen von dem in der Natur der Sache liegenden Vorzuge den ein Abdruck auf Papier einer Abbildung auf Metall gegenüber immer haben wird, war durch diese Methode vor allem die Aufgabe der Vervielfältigung gelöst, da die einzelne Aufnahme eine unbegrenzte Anzahl von Abdrücken zu liefern vermochte. Die Umwandlung des negativen Urbilds in eine Reihe positiver Kopien hob überdies die Verkehrung der räumlichen Beschaffenheit auf und stellte den abgebildeten Gegenstand in seiner naturgemäßen Lage wieder her. Dazu kam die Einfachheit der Operation, die Wohlfeilheit der erforderlichen Chemikalien und die Entbehrlichkeit des platzversperrendem namentlich aus Reisen so lästigen Daguerre’schen Gerümpels, um dem neuen Verfahren die größte Wichtigkeit zu geben.

Man kann sich das Interesse denken das die ersten Papierphotographien hervorriefen, und alle Welt fragte sich verwundert, wie der Liller Tuchhändler so plötzlich und unverhofft zu dieser vortrefflichen Entdeckung gekommen sei. Die Verwunderung stieg aber nicht wenig, als man erfuhr daß seine Erfindung nur die Reproduktion einer Methode sei die der Engländer Fox T a l b o t bereits vor sechs, beziehungsweise acht Jahren veröffentlicht hatte, und die durch einen seiner Schüler, mit Namen Tanner, zur Kenntniß Blanquart-Evrard’s gekommen war. Wenn schon die Verschweigung der Urheberschaft sonderbar erscheinen mußte, so war es geradezu unbegreiflich, wie eine veröffentlichte Entdeckung, die einem allgemeinen Verlangen entsprach, sechs Jahre lang hatte brach liegen können.

William Henry Fox T a l b o t , ein reicher Privatmann, zu Lacock Abbey bei Chippenham in Wiltshire wohnhaft, ist im Jahre 1800 geboren. Eine zeitlang Parlamentsmitglied und seit 1831 Mitglied der Royal Society, hat er zahlreiche Arbeiten physikalischen Inhalts, namentlich mit Beziehung auf das Licht veröffentlicht. Seit Anfang der Dreißiger-Jahre, zu einer Zeit also wo das Lichtbild noch in den Windeln lag, beschäftigte sich Talbot mit der Photographie. Im Monat März 1839, als Daguerre's Erfindung zwar vollbracht, aber noch nicht bekannt gemacht war, theilte er der Royal Society in London sein Lichtbildverfahren mit und veröffentlichte hierauf im Philosophical Magazine einen Artikel, welcher die Beschreibung dieser Methode unter dem Titel »Kalotypie« enthält.

Die frühesten photographischen Versuche waren, wie wir gesehen haben, mit Hilfe von Silbersalzen auf Papier gemacht worden; auch Talbot schlug diesen Weg ein, den schon vor ihm seine Landsleute Wedgwood und Davy betreten hatten, aber glücklicher als sie, gelangte er zum Ziele. Er netzte sein Papier abwechselnd mit einer Auflösung von Chlornatrium und von Silbernitrat, und erhielt auf diese Weise ein viel empfindlicheres Präparat als das womit seine Vorgänger operirt hatten. Der abzubildende Gegenstand, z. B. ein Baumblatt, wurde auf die getränkte Fläche gelegt und den Sonnenstrahlen ausgesetzt. Das Papier, indem es sich da schwärzte wo es nicht durch die Undurchdringlichkeit der Auflage geschützt war, zeigte nun ein verkehrtes oder n e g a t i v e s Bild, das heißt eine Vertauschung von Licht und Schatten, so daß z. B. das undurchsichtige Blattgerippe ganz hell, der durchsichtigere Blattkörper halbdunkel, und das weiße Papier ganz schwarz erschien. Talbot fixirte diese Bilder anfänglich mit einer konzentrirten Auflösung von Meersalz, das zwar das überschüssige Jodsilber nicht entfernt, aber unempfindlich gegen weitere Lichteindrücke macht. An die Stelle desselben trat später das unterschwefligsaure Natron, und zwar auf den Rath John H e r s c h e l l ’ s , der gefunden hatte daß die unterschwefligsauren Salze die im Wasser unlöslichen Silbersalze auflösen, und dem auch Daguerre die Anwendung dieses Fixirmittels verdankte. Wenn Talbot nun, vermittelst eines zweiten präparirten Papiers, die negative Kopie noch einmal kopirte, erhielt er ein positives Bild das, indem es abermals die dunklen Theile hell und die hellen dunkel wiedergab, durch eine zweite Umkehrung die erste aufhob und das natürliche Verhältniß wieder herstellte.

Dieses erste, im Frühjahre 1839 veröffentlichte Verfahren vermochte demnach nur halb durchsichtige Gegenstände vermittelst Auflegen zu kopiren, aber es löste nichtsdestoweniger die doppelte Schwierigkeit, ein vom Lichte hervorgebrachtes Bild auf dem P a p i e r darzustellen und vor nachfolgender Veränderung zu bewahren. Dazu enthielt es, durch die Erzeugung negativer und positiver Abdrücke, bereits das Prinzip der V e r v i e l f ä l t i g u n g . Gleichwol wäre diese Erfindung nicht im Stande gewesen dem Daguerreotyp die Spitze zu bieten, wenn nicht Talbot im Jahre 1841 eine neue Methode veröffentlicht hätte welche das K a m e r a b i l d zu fixiren erlaubte. Dieser Fortschritt wurde durch die Entdeckung einer weit empfindlicheren Präparation, durch die Anwendung des Jods und der G a l l u s s ä u r e ermöglicht. Der englische Erfinder befeuchtete jetzt sein Papier mit Silbernitrat, dann mit Jodkali und schließlich mit g a l l u s s a u r e m Silbernitrat. Er setzte es nun dem Lichte der Kamera aus, entwickelte das latente Bild in der vorgenannten Lösung und fixirte es mit Bromkali. Nachdem er so einen negativen Abdruck erhalten hatte, zog er positive Bilder auf ein mit Chlorsilber getränktes Papier ab. In demselben Jahre schickte er die Beschreibung seines Verfahrens nach Paris an den Akademiker Biot, welcher dieselbe der Akademie der Wissenschaften vorlegte. Aber Niemand nahm Notiz davon. Man war noch vom Daguerreotyp berauscht, und die Akademie verwechselte die Mittheilung Talbots mit jener Unzahl werthloser Vorschläge welche damals von allen Seiten auftauchten. Sind doch diese offiziellen Gesellschaften überhaupt zu nichts gut als unnütze Berichte zu machen und nützliche Erfindungen zu begraben.

Das Hauptverdienst Talbot’s besteht darin daß er in der Gallussäure den mächtigsten Entwickler entdeckte, durch dessen Kraft es möglich wurde das Kamerabild in scharfer Modellirung auf dem Papiere darzustellen. Denn vor der Entwicklung durch die Gallussäure ist der Lichteindruck ebenso latent, das heißt unsichtbar auf dem Papier, wie auf der Metallplatte vor Anwendung des Quecksilbers, und durch die bloße Ausstellung des mit Silbersalz präparirten Papiers in der Kamera hätte man nie ein Negativ erhalten, klar und kräftig genug um positive Abdrücke davon abzuziehen. Die Merkurdämpfe locken zwar das Bild auch auf dem Papier hervor, aber nur mit großer Schwierigkeit. Uebrigens ist Talbot’s Verfahren die Grundlage für alle negativen Methoden geblieben, die indessen zum Vorschein gekommen sind.

Schon die Veröffentlichung Blanquart-Evrard’s, dem jedenfalls das Verdienst uneigennütziger Verbreitung nicht abzusprechen ist, enthielt einige Abänderungen des ursprünglichen Verfahrens. Er tauchte das Papier in die Lösung, statt diese mit dem Pinsel aufzutragen, ersetzte das Gallonitrat im Silberbade durch die blos salpetersaure Verbindung und entwickelte das Bild mit der Gallussäure. Das war nur eine Vereinfachung, aber die lebhafte Bewegung in welche die Photographie durch diesen Anstoß versetzt worden war, ließ wichtige Verbesserungen voraussehen. Anfänglich konnten sich freilich die Talbot'schen Erzeugnisse mit den Daguerre’schen keineswegs messen. Es fehlte ihnen die Schärfe der Zeichnung, die Feinheit der Modellirung und die Abstufung der Töne – Vorzüge welche dem Metallbilde seinen Reiz verleihen. Die Hauptursache dieser Mängel war die Anwendung des Papiers zu Negativbildern. Die faserige Struktur dieses Stoffs, die Ungleichheit seines Korns, die Unreinheit seiner Masse und seine veränderliche und unregelmäßige Ausdehnung während des Eintauchens in verschiedene Flüssigkeiten, das waren die Hindernisse welche sich einer gelungeneren Abbildung entgegenstellten. Trotzdem hat auch das Negativ auf Papier schließlich solche Fortschritte gemacht daß es, namentlich auf Reisen wo die Glasclichés zu beschwerlich sind, und für panoramische und architektonische Ansichten deren Aufnahme eine längere Belichtung gestattet, vortreffliche Dienste leistet. Vorerst jedoch handelte es sich darum, die rauhe und ungleiche Fläche des Papiers durch eine gleichmäßige und glatte, dem polirten Metall ähnliche Ebene zu ersetzen, und diese Aufgabe wurde durch die Herstellung des Negativbildes auf Glas, und zwar von einem Neffen des Urheliographen Nicéphore Niepce gelöst.

A b e l N i e p c e d e S a i n t – V i c t o r , im Jahre 1805 in Saint-Cyr geboren, betrat, wie einst sein Onkel Nicéphore, die militärische Laufbahn. Aber auch er bedurfte höherer Befriedigungen und wollte den photographischen Ruhm seines Namens, der ihm gewisse Verbindlichkeiten aufzulegen schien, durch eigene Verdienste erneuern. So begann er um’s Jahr 1842 sich physischen und chemischen Untersuchungen zu widmen. In der Hoffnung, reichere wissenschaftliche Hilfsmittel zu finden als eine Provinzialstadt zu bieten vermag, trat er in die Pariser Munizipalgarde und wurde mit seiner Brigade im Faubourg Saint-Martin einkasernirt. Ein leerer Saal der Kaserne diente ihm als Laboratorium, und schnell bedeckten sich die Wände mit Brettern, die Bretter mit Kolben. Seine Anstrengungen blieben nicht ohne Erfolg; bereits hatte er mehrere interessante Untersuchungen veröffentlicht, als ihn die Revolution von 1848 überraschte. Das aufständische Volk, das der Munizipalgarde nichts weniger als hold war, demolirte die Kaserne im Faubourg Saint Martin und steckte sie in Brand, bei welcher Gelegenheit das Laboratorium des strebsamen Lieutenants mit Sack und Pack zu Grunde ging. Niepce de Saint-Victor, durch diesen Umschwung der Dinge in eine sehr ungewisse Lage gekommen, hatte sich zu einem geistlichen Verwandten geflüchtet; da jedoch Alles ein Ende nimmt, und namentlich die Revolutionen, so wurde er nach einiger Zeit der republikanischen Garde einverleibt, die später den Namen Garde de Paris erhielt. Zum Kapitän vorgerückt und zum Eskadrons-Chef promovirt, wurde er 1855 vom Kaiser Napoleon, dem dritten seines Namens, zum Kommandanten des Louvre ernannt, ein Posten der ihm die photographische Muße nicht mehr verkümmerte, bis er im Jahr 1870, wie sein Onkel, an einem Hirnschlag plötzlich starb.

Wir werden, bei Gelegenheit der Heliographie vermittelst Erdharzes, auf Niepce de Saint-Victor zurückzukommen haben; hier handelt es sich zunächst um seine Erfindung der Negativbilder auf Glas, deren Herstellung der Photographie einen so wesentlichen Dienst geleistet hat. Er beschäftigte sich mit dieser Aufgabe seit dem Jahre 1848 und löste sie mit Hilfe des Albumins. Er bedeckte zu dem Ende seine Glastafel mit einer dünnen Schicht Eiweiß, in welchem etwas Jodkali aufgelöst war. Dieser Ueberzug bildet eine gleichmäßige und glatte Fläche, die zur Aufnahme des Bildes vollkommen geeignet ist. Nun machte er die Schichte empfindlich indem er sie in salpetersaures Silberoxyd tauchte, brachte das Glas in die Dunkelkammer, entwickelte und fixirte das Bild wie beim Verfahren auf Papier. Das Albumin liefert Negativclichés welche an Feinheit und Kraft selbst die Kollodiumbilder übertreffen; dagegen ist es weniger empfindlich und schwieriger zu handhaben, weil die Unreinigkeiten welche das Eiweiß enthält, häufig kleine Löcher und Punkte auf der photogenischen Schichte veranlassen. Einzelne Photographen, z. B. Soulier und Ferrier in Paris, haben nichtsdestoweniger diese Schwierigkeiten überwunden und operiren leicht und schnell mit Hilfe des Albumins.

Ehe es jedoch so weit kam, sah man sich bereits nach einem handlicheren Material um, und zu Anfang des Jahres 1851 bezeichnete L e G r a y das Kollodium als eine Substanz, wohl geeignet das Albumin zu ersetzen. Doch schon im selben Jahre veröffentlichten zwei Photographen in London, A r c h e r und F r y , eine vollständige Anweisung zur Benützung des Kollodiums, die sich alsbald bewährte.

Das Kollodium ist eine Auflösung von Schießbaumwolle in einer Mischung von Alkohol und Schwefeläther. Beim Verdunsten hinterläßt es einen klebrigen Ueberzug der sich in einigen Minuten bildet. Dieses organische Häutchen eignet sich vortrefflich zu den photogenischen Operationen: vollkommen strukturlos und durchsichtig, legt es der Reinheit und Schärfe des Bildes keinerlei Hinderniß in den Weg; dabei sättigt es sich dergestalt mit den Silberverbindungen daß die Wirkung des Lichts eine augenblickliche ist. Mit seiner Hilfe kann man jetzt Gegenstände in voller Bewegung abbilden, wie z. B. einen rollenden Wagen, ein trabendes Pferd, oder die vom Sturme gepeitschten, schäumenden Meereswogen.

Archer’s Kollodiumverfahren, in Frankreich von Bingham eingeführt, gab der Photographie einen plötzlichen und unerhörten Aufschwung. Selbst Künstler und Kunsthändler, die sich – theils aus ästhetischen, theils aus materiellen Gründen – bis dahin äußerst widerborstig gegen das Lichtbild gezeigt hatten, konnten ihm nicht länger Widerstand leisten, und zogen vor es zu ihrem Bundesgenossen zu machen. Ueber die ganze Erde verbreitet, berechnet jetzt die Photographie den kommerziellen Werth ihrer Erzeugnisse nach Millionen, und indem sie der Kunst, der Wissenschaft und der Industrie immer zahlreichere Dienste leistet, erfüllt sie die Hoffnungen die Arago aussprach als er die junge Entdeckung in die Oeffentlichkeit einführte.

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© 2014 by Günther Emig