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Hauptkategorie: Ludwig Pfau

Ludwig Pfau

Die Heliographie


[5:] Schließliche Vervollkommnung der Photographie

Im letzten Jahrzehnt wurde die Photographie in allen ihren Theilen dergestalt untersucht, entwickelt und verbessert daß sie heute – was die Lichtoperationen betrifft – kaum etwas zu wünschen übrig läßt. Es ist zwar keineswegs unmöglich, durch Auffinden neuer photogenischer Substanzen die Leichtigkeit und Sicherheit des Verfahrens noch zu vermehren; in Beziehung auf Schärfe der Zeichnung und Feinheit der Modellirung jedoch werden unsere besten Negativbilder schwer zu übertreffen sein, und damit ist ein wichtiger Punkt erreicht. Daß für die Photographie ein gelungenes Negativ die Vorbedingung eines guten positiven Abdrucks ist, versteht sich von selbst; aber auch die Heliographie, für ihre materielle Arbeit des Vertiefens und Eingrabens, wird zur Belichtung ihrer Platten das Cliché nicht wohl missen können, so lang sie keine empfindlicheren photogenischen Hülfsmittel entdeckt als die bisherigen, weil das Kamerabild nie die Kraft des unmittelbar auffallenden Lichtes hat. Ja selbst solche Entdeckungen dürften die alten Methoden nicht ganz beseitigen, und für gewisse Zwecke die Belichtung durch’s Negativ nicht entbehrlich machen. Fassen wir daher vor allem, und namentlich in Beziehung auf die Negativplatte, das heutige photographische Verfahren in gedrängter Kürze zusammen.

Die Schießbaumwolle ist eine reine Baumwolle welche in eine auf 77 Grad Celsius erwärmte Mischung von Schwefelsäure und Salpetersäure getaucht, ausgewaschen und getrocknet wurde. Geschieht das Eintauchen bei einer um 10 bis 11 Grad verminderten Wärme, so wird die Baumwolle zwar leicht verbrennlich, aber nicht explodirend ; so zubereitet, eignet sie sich jedoch am besten zu photographischen Zwecken, und heißt daher Kollodiumwolle. Um das Kollodium herzustellen, löst man diese Wolle in einer Mischung von Schwefeläther und Alkohol auf, deren Verhältniß man je nach dem Grade der Flüssigkeit oder Verdunstlichkeit den man erhalten will, regulirt. Die Dicke des Präparats hängt natürlich auch von der größeren oder kleineren Menge Wolle ab die man in einem Quantum Spiritus auflöst.

Nun gilt es dem Kollodium die Jod- und Bromverbindungen beizumischen die später mit Hilfe des salpetersauren Silberoxyds (Silbernitrats) und durch eine doppelte Zersetzung des Jod- und Bromsilber bilden sollen. Die hiezu verwendeten Verbindungen sind hauptsächlich Jodkali, Jodammonium, Jodkadmium, Bromkali, Bromammonium sc. Da diese Substanzen kleine Verschiedenheiten in ihren Wirkungen zeigen, so wird von den einzelnen Photographen bald diese, bald jene Mischung vorgezogen. In Frankreich nimmt man häufig drei Jodverbindungen, jede zu einem Viertheil, und eine Bromverbindung als letztes Viertheil. Ein vielgebrauchtes deutsches Rezept besteht aus 12 Gran Jodammonium, 8 Gran Jodkadmium und 5 Gran Bromammonium; diese Jodirungssalze werden in Alkohol aufgelöst und die Lösung im Verhältniß von Eins zu Drei dem Kollodium beigemischt.

Mit der so bereiteten Flüssigkeit überzieht man nun die wohlgereinigte Glasplatte und taucht sie, sobald das zurückgebliebene Häutchen sich hinlänglich gesetzt hat, in das Silberbad. Dieses besteht aus einer Lösung von salpetersaurem Silberoxyd in destillirtem Wasser. Das im Kollodium enthaltene Jod und Brom verbindet sich alsbald mit dem Silber des Nitrats, um das empfindliche Jod- und Bromsilber zu bilden, während sich die frei gewordene Salpetersäure mit dem Ammonium, Kadmium sc. zu neuen Salzen vereinigt. Nachdem so die Kollodiumschichte für die Lichteindrücke empfänglich geworden, bringt man die Glasplatte in die Kamera und setzt sie dem eingestrahlten Bilde aus. Die Dauer der Ausstellungszeit hängt von der Intensität des Lichts, der Lichtstärke des Instruments und der Empfindlichkeit der verwendeten Präparate ab. Unter günstigen Umständen genügen 5 bis 8 Sekunden, bei klarem Himmel, im Freien oft schon der Bruchtheil einer Sekunde; im Winter, bei dunklem Wetter dagegen bedarf es manchmal der zehnfachen Zeit.

Sobald man die Belichtung für genügend erachtet, nimmt man die Platte aus der Kamera um das noch unsichtbare Bild vermittelst eines Entwicklers hervorzurufen. Seit der Anwendung der Gallussäure durch Talbot hat man eine größere Anzahl solcher Helfer entdeckt, unter anderen die Pyrogallussäure, das schwefelsaure Eisenoxydul (Eisenvitriol) und das schwefelsaure Eisenoxydul-Ammoniak. Neuester Zeit wird die letztgenannte Verbindung vorzugsweise in doppeltschwefelsaurer Form gebraucht, weil sie sich weniger leicht zersetzt als das einfache Präparat. Auch die Pyrogallussäure mit einem Zusatz von Ameisensäure wird empfohlen; diese Mischung soll sich mit einer kürzern Belichtung der Platte begnügen. Gewöhnlich wendet man eines der Eisensalze an, welches man in Wasser auflöst und mit einem Zusatz von Essigsäure und etwas Alkohol versieht. Mit dieser Lösung übergießt man die belichtete Fläche, und das Bild erscheint. Im allgemeinen wählt man den Entwickler so daß er zwar kräftig, aber nicht allzu energisch wirkt, weil das plötzliche Hervorrufen die Feinheit der Uebergänge und die Tiefe der Schatten beeinträchtigt. Das zarte Kollodium zeigt natürlich auch beim Hervorrufen eine größere Empfindlichkeit als das derbe Papier.

Falls, was häufig vorkommt, das Bild nicht kräftig genug vom Eisensalz entwickelt wurde, so daß die belichteten Stellen noch zu durchsichtig sind um eine gute positive Kopie auf Papier zu geben, so kommt man ihm mit einem  V e r s t ä r k e r  zu Hilfe. Man wählt hiezu gewöhnlich verdünnte Pyrogallussäure, der man wol auch etwas Zitronensäure beimischt. Durch das Uebergießen mit dieser Flüssigkeit kann man dem Bilde die gewünschte Intensität geben. Freilich gehen bei zu heftigem Verstärken die feinsten Details verloren, und die unersetzliche Vorbedingung eines schönen Bildes bleibt immer die richtige Belichtungszeit.

Nachdem nun die Platte tüchtig gewaschen ist, wird das Bild fixirt, d. h. von dem überflüssigen Jod- und Bromsilber befreit, das noch nicht vom Lichte zersetzt, seine photographische Wirkung fortsetzen und durch Nachdunkeln die Zeichnung zerstören würde. Statt des von Herschell angegebenen unterschweligsauren Natrons, welches lange Zeit das ausschließliche Fixirmittel war, gebraucht man jetzt häufig das Cyankali, das jedoch eines der heftigsten Gifte ist. Das unterschwefligsaure Natron ist allerdings nicht sehr leicht auszuwaschen und hinterläßt daher gerne Flecken; das Cyankali dagegen wirkt zu energisch und zerstört leicht die feinen Halbschatten Einige französische Praktiker wenden neuerdings das Schwefel-Cyankali an, das die Vorzüge der beiden anderen Fixirmittel vereinigen soll, ohne giftig zu sein. Der hohe Preis dieses Präparats steht jedoch einem allgemeineren Gebrauch noch im Wege. Das hervorgerufene Bild wird mit einer dieser Flüssigkeiten übergossen, welche das nicht reduzirte Jodsilber auflöst und die Lichteindrücke haltbar macht. Bei einem schwachen Negativ, das durch Anwendung eines auflösenden Fixirmittels noch mehr geschwächt würde, kann man auch dem Jodsilber, statt es zu entfernen, die Lichtempfindlichkeit nehmen, und zwar vermittelst einer leichten Lösung von Bromkalium oder schwefelsaurem Eisenoxyd in Wasser, oder einer gesättigten Lösung von Seesalz. Ein solches Negativ liefert Bilder von großer Zartheit, kopirt aber sehr langsam, weil die gelbe Jodsilberschichte die Wirkung des durchfallenden Lichtes schwächt.

Nach der Fixirung hat man die Platte noch zu waschen, zu trocknen und mit einem Harzfirniß zu versehen. Der Firniß soll das Kollodiumhäutchen fester an das Glas binden und vor Reibung beschützen. Will man die Platte nicht aufbewahren, so genügt arabischer Gummi; im entgegengesetzten Falle muß ein widerstandsfähigerer Ueberzug gewählt werden, und man kann hiezu Kopalfirniß mit einem Zusatz von Benzin benutzen, oder Gummi sanderac mit einem geringeren Quantum Kampher und Terpentin in Alkohol aufgelöst und mit Wasser verdünnt. Man überzieht nun die Platte mit einer der Harzlösungen und das Negativ ist fertig. Es versteht sich daß – mit Ausnahme des Firnissens – alle diese Manipulationen in der Dunkelheit vorgenommen werden müssen um die Einmischung des umgebenden Lichtes zu verhindern. Da jedoch das gelbe Glas keine chemisch wirkenden Lichtstrahlen durchläßt, so kann man das dunkle Laboratorium vermittelst gelber Glasscheiben erhellen.

Um nun von dem Negativbilde positive Kopien zu erhalten, muß man vor Allem ein Papier bereiten das sich schwärzt wenn man es dem Lichte aussetzt. Wir wissen längst daß verschiedene Silbersalze den mit ihnen getränkten Stoffen diese Eigenschaft mittheilen. Zur Bereitung des Kopirpapieres benützt man das Chlorsilber, dessen sich schon Wedgwood und Davy bei ihren photographischen Versuchen bedienten. Man nimmt irgend ein Chlorsalz – Chlorammonium, Chlornatrium, oder Chlorkalium – und tränkt das Papier in dessen Lösung. Will man dem Papiere zugleich eine größere Glätte geben, so wendet man statt Wassers gereinigtes Eiweiß oder einen dünnen feinen Kleister an. Hierauf taucht man das getrocknete Papier in ein Bad von Silbernitrat, wo durch die gegenseitige Zersetzung der Salze einerseits Chlorsilber, andererseits salpetersaures Ammonium, Natrium oder Kalium entsteht, je nachdem man den einen oder andern dieser Stoffe gewählt hat. Das Chlorsilber bleibt im Papiere, das neugebildete Salz im Silberbade zurück, und das Blatt wird lichtempfänglich. Es ist ganz derselbe Prozeß wie bei Jodirung des Kollodiums. Dieses Papier, nachdem es trocken geworden, legt man nun mit der empfindlichen Fläche auf die Bildseite der Negativplatte, bringt beide in den Kopirrahmen und setzt sie dem Lichte aus. Die Zeitdauer des Kopirens hängt einerseits von der Beschaffenheit des Clichés, andererseits von der Intensität des Lichts ab.

Wenn der Abdruck aus dem Kopirrahmen kommt, hat er eine purpurröthliche, sehr vergängliche Farbe, die nicht immer schön ist und im Fixirbade unliebsam ziegelbraun wird. Man muß ihm daher einen reicheren und beständigeren Ton geben welcher dem Einfluß der Fixirmittel widersteht. Dieses erreicht man durch eine Lösung von Chlorgold, mit einem Zusatz von essigsaurem Natron oder Chlorkalk, in welcher man das wohlgewaschene Positivbild färbt. Hierauf fixirt man es mit unterschwefligsaurem Natron, wäscht es tüchtig, trocknet es, klebt es auf und glättet es in der Satinirpresse.

Da das Kollodiumhäutchen von der Glastafel sich ablösen und auf Papier, Leinwand sc. übertragen läßt, so kann man auch auf diese Art Abdrücke herstellen. Ebenso kann man ein geeignetes negatives Bild in ein positives verwandeln, indem man die Rückseite der Glasplatte schwärzt.

Nachdem wir nun – trotz all der sauren Lösungen – die siegreiche Photographie auf ihre jetzige Höhe begleitet haben, ist es uns wohl erlaubt einen erholenden Rückblick auf die Anfänge einer Erfindung zu werfen, an welcher die größten Physiker und Chemiker verzweifelten, und die schließlich von Gutsbesitzern, Theatermalern, Tuchhändlern, Dilettanten und Lieutenants auf die Beine gestellt wurde. Solche Triumphe des Laienverstands werden freilich die offizielle Wissenschaft nicht bestimmen ihren Hochmuth zu mindern, können aber ebensowenig uns die Wahrheit verbergen daß eine vertrocknete Fakultätsweisheit noch nie durch Erfinden geglänzt hat, und daß der geistlose Formelkram unserer heutigen Universitäten – von einzelnen bedeutenden Forschern abgesehen, die aber den Geist der Institution nicht ändern können – nichts ist als ein weltlicher Katechismus, der noch mehr an der Verdummung der Gehirne arbeitet, als an deren Aufklärung.

Aus dem bescheidenen Zeitraum einer Generation, wie aus einer Camera obscura, tritt uns in der Entwicklung der Photographie ein kleines Lichtbild der großen Weltentwicklung entgegen. Die Geschichte bedient sich in ihren Fortschrittsdramen immer derselben Koulissen und derselben Verwandlungen. In der großen Welt sehen wir zuerst Propheten und Richter, Helden und Könige; weiterhin Generale und Edelleute, Diplomaten und Minister; dann Regierungsräthe und Krautjunker, Garde-Lieutenants und Referendäre; mühsam taucht noch das lackirte Heer der Ladenschwengel empor – aber schon bricht die demokratische Plebs gleich einer Sündfluth herein und überschwemmt Alles. Der geringste Plebejer am Endring der Kette besitzt schließlich mehr Wissenschaft als der höchste Aristokrat an der Spitze des Reigens; aber die Schaar der Epigonen verschwindet im Wellengewimmel, während das Riesenhaupt des Prometheus über dem Meeresspiegel emporragt. Selbst der gläubigste Jude, wenn ihm seine heiligen Bücher erzählen wie Jehovah in sechs Tagen die Welt aus nichts modellirte, kann sich unmöglich verhehlen daß Moses etwas weniger bewandert war in der Naturgeschichte als Alexander v. Humboldt; und doch wird nach abermal dreitausendfünfhundert Jahren kein Christenmensch mehr zu finden sein der aus den Namen des heiligen Humboldt zu schwören begehrte. Ja das wissenschaftliche Gepäck dieses jüngeren Kosmologen dürfte in jenen künftigen Tagen leichtlich so tief in der Rumpelkammer liegen daß man ihn mit Theophrastus Bombastus Paracelsus verwechselt, was ihm ohne Zweifel ein großer Schmerz wäre, wenn er noch lebte. Von den kleineren Aposteln ist ohnehin keine Versteinerung mehr aufzutreiben in jener Zeit. Aber das gehörnte Haupt Mosis wird noch immer über dem Sinai leuchten, und der alte Demagoge wird noch immer seine Gesetzestafeln emporrecken, obwohl die Menschheit längst die brutalen Laster verlernte die warnend darauf eingegraben sind. Er wird nicht vergessen sein. Wer zuerst kommt, der mahlt zuerst, sagt das Sprichwort.

Kehren wir vom großen Weltgebäude zum kleinen Lichtbilde zurück, so sehen wir in Zeit von einem Menschenalter die Photographie zum Gemeingut werden. Die chemischen Prozesse, die sich noch vor wenigen Jahrzehnten in den Laboratorien einiger Alchymisten mühsam abwickelten, die werden jetzt von Tausenden gehandhabt, untersucht, umgewandelt, vervollkommnet und festgestellt. Angesichts der sinnreichen Verbesserungen, der neuen Anwendungen, weiß man kaum noch wem das Alles gutzuschreiben ist – die paar Anführer sind ein Heer geworden in welchem die Individuen verschwinden. Das mitleidige Lächeln aber mit dem heute der hinterste Dorfphotograph auf Nicéphore‘s Harzkrusten, auf Daguerre’s Silberspiegel und auf Talbot’s Tintenkleckse blicken kann, das wird diese Namen nicht abhalten, in Begleitung einiger anderer, für immer an der Spitze der herrlichen Erfindung zu stehen, denn jene bescheidenen Anfänge waren die Vorbedingungen der späteren Erfolge.

Am wenigsten direkten Einfluß auf die heutige  P h o t o g r a p h i e  hat offenbar Niepce geübt; dagegen tritt in seinem Asphaltverfahren das Prinzip der Unlöslichkeit durch die Lichteinwirkung, auf welchem die ganze spätere  H e l i o g r a p h i e  beruht, zum erstenmal hervor. Dabei ist freilich nicht zu vergessen daß diese ihre Erfolge zunächst dem Kollodium-Clicheé verdankt, das ihr die Photographie erst herstellen mußte. Die Anklage die Isidor Niepce, der Sohn Nicéphore’s, gegen den Associé seines Vaters erhob, und die in Victor Fouqué – »Die Wahrheit über die Entdeckung der Photographie« – einen so eifrigen Anwalt gefunden hat, ist daher eine durchaus ungerechte. Daguerre – »da er ja  n u r  an die Stelle des Erdharzes das Jodsilber und an die Stelle des Lavendelöls den Merkur setzte« – soll, von sträflichem Ehrgeiz getrieben, den wahren Entdecker um seinen Ruhmesantheil betrogen haben! Wie wenn nicht eben die Auffindung von wirksamen Substanzen, an der Stelle von unwirksamen, den Akt der Entdeckung ausmachte. Die Umwandlungen welche die Photographie seit Daguerre und Talbot erfuhr, so wichtig sie sind, fallen weniger schwer in die Wagschale der Entdeckung nachdem die Hauptaufgabe einmal gelöst war. Aber Niepce hatte nur die Möglichkeit der Lösung gezeigt, während Daguerre dieselbe vollbrachte, und zwar mit ganz anderen Mitteln als die von Niepce vorgeschlagenen. Denn da der Letztere das Jod keineswegs zu photogenischen Zwecken benützte, so kann, der Daguerre’schen Erfindung gegenüber, die Anwendung dieses Stoffes nicht als intellektuelle Vorbereitung, sondern höchstens als glücklicher Zufall in Betracht kommen. Ueberdies besteht das Hauptverdienst Daguerre’s in der Idee des Entwickelns, auf welcher der ganze Fortschritt der Photographie beruht. Man mag daher dem alten Niepce den Ruhm lassen, zuerst, wenn auch in ungenügender Weise, die Bilder der Camera obscura fixirt zu haben, ohne daß man deßhalb die Titel Daguerre’s für angemaßte zu erklären braucht. Dies ist auch die Meinung Louis Figuier’s, der in seinen Artikeln über die »Wunder der Wissenschaft« die Verdienste Nicéphore‘s auf ihr richtiges Maß zurückführte.

Was Talbot’s Erfindung betrifft, so unterliegt wohl keinem Zweifel daß die Benützung des Jodsilbers, die in seiner zweiten, 1841 gemachten Veröffentlichung zum Vorschein kommt, durch den Vorgang Daguerre‘s veranlaßt wurde. Dagegen soll Daguerre die Anwendung des unterschwefligsauren Natrons zur Fixirung seiner Bilder den Engländern verdanken. Van Monckhoven von Gent sagt in seinem trefflichen Handbuche der Photographie: »Die Bilder Daguerre’s waren anfänglich schlecht fixirt, und erst nachdem  S i r  J o h n  H e r s c h e l l  das unterschwefligsaure Natron als Fixirmittel für die Bilder auf Chlorsilberpapier angegeben hatte, gelang es dem französischen Erfinder, auch seine Bilder auf Jodsilberplatten gegen den Einfluß der Helle zu schützen.« Dem Namen des englischen Astronomen gebührt also auch ein Platz unter den Begründern der Photographie, denn die Beseitigung der Lichtempfänglichkeit nach vollzogener Bildaufnahme war keine der geringsten Schwierigkeiten.

Freilich sind die ursprünglichen Methoden dieser Männer allmälig von geeigneteren Hilfsmitteln verdrängt worden; aber wie viel auch an dem chemischen Apparate geändert wurde, die Idee des Entwickelns und das Prinzip des Negativverfahrens blieben unberührt, und wie wenig auch die Photographie vom Daguerreotyp übrig gelassen hat, die Anwendung des Jodsilbers ist nichtsdestoweniger die einzige chemische Errungenschaft die alle Wandlungen überlebte. Diese aber wird wohl auf Daguerre’s Rechnung stehen bleiben, denn nirgends bei den photographischen Versuchen vor ihm trifft man auf die Benützung des Jods. Ohne die Grundlage welche die früheren Entdeckungen geschaffen hatten, waren die späteren Verbesserungen unmöglich. Wir schließen daher mit der Betrachtung, daß das Leben im Samen steckt, daß der Baum nur ein vergrößerter Keim ist, und daß die Geschichte wohl weiß warum sie die Propheten behält und die Apostel vergißt.

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© 2014 by Günther Emig