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Hauptkategorie: Ludwig Pfau

Ludwig Pfau

Eigenhändiger Lebenslauf, um 1890


Ich bin den 25. Aug. 1821 zu Heilbronn geboren. Mein Vater war Kunstgärtner. Zum Studium der Theologie bestimmt, besuchte ich das Gymnasium meiner Vaterstadt. In Folge religiöser Zweifel und großer Vorliebe für die Beschäftigung mit der Natur trat ich jedoch in das Geschäft meines Vaters und im Frühjahr 1839 als Volontär in eine große Handelsgärtnerei bei Corbeilles oberhalb Paris. Unbefriedigt von dieser doch mehr materiellen Thätigkeit begab ich mich im folgenden Jahre nach Paris, wo ich mich mit dem Studium der franz. Sprache und Literatur, mit Zeichnen und Kunststudien beschäftigte. Im Frühjahr 1841 in die Heimat zurückgekehrt, studierte ich in Tübingen Philosophie, widmete mich fortan in Karlsruhe in Gesellschaft meines Freundes Hermann Kurz literarischen Arbeiten und veröffentlichte die erste Auflage meiner "Gedichte" (Frankf. 1847; 4. Aufl. Stuttg. 1889). Ende 1847 gründete ich in Stuttgart ein illustirtes satyrisches Wochenblatt - das erste politische Karikaturenblatt in Deutschland -, unter dem Titel "Eulenspiegel", welches durch die Volkserhebung von 1848 schnell Verbreitung gewann. Meine Betheiligung bei der Bewegung als Mitglied des württembergischen Landesausschusses nötigte mich nach Sprengung des Stuttgarter Rumpfparlaments zur Flucht in die Schweiz um der Verhaftung und dem Hochverratsprozeß zu entgehen, bei welchem ich in contumaciam zu 21 Jahr Zuchthaus verurteilt wurde. Nachdem ich mich dritthalb Jahre in Zürich und Bern aufgehalten, ging ich im Frühjahr 1852 nach Paris, nahm meine Kunststudien wieder auf, beschäftigte mich, von der Weltausstellung 1855 angeregt, auch eingehend mit der gewerblichen Kunst und wurde Mitarbeiter des "Temps" für die stilistische Sparte. Anfang der sechziger Jahre begab ich mich nach Antwerpen und Brüssel, schrieb eine größere Studie über die belgische Malerei für die "Indépendance Belge", besuchte 1862 die Londoner Weltausstellung, um für dasselbe Blatt einen ausführlichen Bericht über die gewerbliche Kunst zu erstatten, und gab eine ästhetische Schrift, Etudes sur l'Art (Paris 1862), heraus. Nach Verjährung meines Prozesses kehrte ich Ende 1863 nach Stuttgart zurück, redigirte dort, nach Wiederaufrichtung der demokratischen Partei, in Gemeinschaft mit meinen Freunden Karl Mayer und Julius Haußmann eine zeitlang den "Beobachter", begab mich Ende 1864 nach Augsburg, schrieb in der "Allgem. Ztg." eine Reihe "Artistische Briefe", für welche mir die Münchener Akademie ein Dankschreiben votirte und gab eine erweiterte deutsche Umbearbeitung meiner französischen Kunstschrift in Begleitung anderer kritisch-ästhetischer Abhandlungen in einem Sammelband unter dem Titel "Freie Studien" heraus (Stuttgart 1865-66). Abwechselnd in Paris und Stuttgart mich aufhaltend, und die Kunst- und Weltausstellungen besuchend schrieb ich neue ästhetisch-kritische Berichte in verschiedenen französischen und deutschen Zeitschriften, veröffentlichte "Kunstgewerbliche Musterbilder aus der Wiener Weltausstellung" (Stuttgart 1874) und veranstaltete eine Gesamtausgabe meiner ästhetischen Schriften in 6 Bänden unter dem Titel "Kunst und Kritik" (Stuttgart 1888), von welchen 4 erschienen sind: "Maler und Gemälde", "Bild und Bauwerke", "Freie Studien" (3. Aufl.), "Literarische und historische Skizzen" (2. Aufl.). Im Druck begriffen sind "Lichtbild und Kunstbild" und "Ästhetik der gewerblichen Kunst". Von Übersetzungen veröffentlichte ich: "Fabeln nach Lachambeaudie" (erste Auflage Dessau 1856) und "Bretonische Volkslieder", gemeinschaftlich mit Moritz Hartmann, erste Auflage Köln 1859; beide wurden in der dritten Auflage der "Gedichte" wieder abgedruckt und erschienen dann in einem besondern Bande unter dem Titel: "Fabeln und Volkslieder" als dritte Auflage (Stuttgart 18 ), des weiteren: "Mein Onkel Benjamin von Claude Tillier" (Stuttgart 1866; 3. Aufl. 1891) und die von mir zum Teil übersetzte zum Teil redigirte Sammlung: "Ausgewählte Werke von Erckmann=Chatrian" (12 Bände, Stuttgart 1882).


Als wichtige Bausteine zur Biographie müssen Pfaus eigenhändige Lebensläufe gelten, von denen der eine im Stadtarchiv Stuttgart, der andere im Deutschen Literaturarchiv in Marbach verwahrt wird. (Stadtarchiv Stuttgart: Ludwig Pfau, Lebenslauf, undatiert (ohne Nummer). Deutsches Literaturarchiv, Marbach/Neckar: Ludwig Pfau, Lebenslauf, undatiert (A: Pfau)). Wiedergegeben ist der Text der Marbacher Handschrift. Im Gegensatz zur Stuttgarter Fassung, die als Reinschrift vorliegt, handelt es sich bei dem Marbacher Manuskript um einen Entwurf mit zahlreichen Korrekturen, die gewissermaßen die Stuttgarter Angaben um wenige Jahre weiterschreiben.

Bei dem Marbacher Manuskript handelt es sich um ein zweiseitig beschriebenes Blatt im Format 18 x 16,5 cm. Wegen der vielen Korrekturen sowie wegen der Flüchtigkeit der Schrift ist der Text teilweise nur schwer lesbar. Die ursprüngliche Fassung ist mit Tinte geschrieben. Die Rückseite des Blatts weist im unteren dritten Viertel Bleistiftkorrekturen sowie am linken Rand leicht verwischte Ergänzungen, ebenfalls mit Bleistift geschrieben, auf. Einen Anhaltspunkt für die Datierung bietet die korrigierte Auflagenbezeichnung von Tilliers "Onkel-Benjamin"-Übersetzung: Während im ursprünglichen Text noch die 2. Auflage von 1876 genannt war, korrigierte Pfau später in 3. Auflage 1891. Der ursprüngliche Text dürfte demnach um 1889/90 entstanden sein. Für die Transkription der Handschrift wurde die aktuellste Textvariante zu Grunde gelegt.

Zur Überlieferungsgeschichte des Manuskripts: Geheimrat Otto Güntter, langjähriger Vorstand des Marbacher Schillermuseums, berichtet, daß es zusammen mit anderen Materialien 1942 nach Marbach gekommen ist. Güntter: "1942 kamen als Stiftung [zu den damals bereits vorhandenen Pfau-Archivalien] noch hinzu Gedichte, 132 Briefe an Anna Spier, 1885 bis 1894, und Aufzeichnungen von ihr über Pfau, ein von Pfau selbst geschriebener Abriß seines Lebens." (Güntter, Otto: Mein Lebenswerk. Stuttgart 1948: Klett, S. 185. (Veröffentlichungen der Deutschen Schillergesellschaft)).

Im Zugangsbuch Nr. 4 des Schillermuseums findet sich unter der Inventarnummer 48775 der Name des Stifters: Dr. Theodor Heuß, Berlin-Lichterfelde.

Zu dieser Stiftung existiert in der Altregistratur des Deutschen Literaturarchivs in Marbach ein Briefwechsel zwischen Heuss und dem damaligen Leiter des Schillermuseums, Georg Schmückle.

Für die Erlaubnis zum Abdruck des Manuskripts ist dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach zu danken, für zahlreiche ergänzende Hinweise danke ich Herrn Winfried Feifel.

Günther Emig


(Erschienen in: Ludwig Pfau Blätter. Ausgabe 1. Heilbronn 1993)