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Hauptkategorie: Ludwig Pfau

Karl Moersch

Ludwig Pfau, ein Verlierer, der gewonnen hat

Festvortrag zum 100. Todestag von Ludwig Pfau am 12. April 1994 in der Stadtbücherei Heilbronn im Deutschhof


Vor hundert Jahren ist Ludwig Pfau, am Schreibtisch sitzend, von Schlaganfällen überrascht worden und danach ohne Todeskampf für immer eingeschlafen. Der Tod, so haben es uns die Zeitgenossen überliefert, war einem Manne gnädig, der mehr als fünf Jahrzehnte lang kaum einer politisch-literarischen Fehde ausgewichen ist. "Politisches und Polemisches", so der bezeichnende Titel eines seiner Bücher mit gesammelten journalistischen Arbeiten. Zeitlebens hat Pfau Politik und Polemik nicht voneinander getrennt. Einem Streit mit Argumenten, dem Streit mit der Feder wollte er sich nicht entziehen und er lebte vor, was er sich einmal zur Devise gemacht hatte:

"Magnis superbus, parvis modestus": Stolz gegen die Großen, bescheiden gegen die Kleinen.

Sein öffentliches Wirken hat Ludwig Pfau schon im Alter von 21 Jahren als lyrischer Dichter begonnen, damals noch der "schwäbischen Dichterschule" verpflichtet, die im Weinsberger Kernerhaus einen Mittelpunkt hatte. Der junge Pfau, Sohn eines Gärtners und Blumenzüchters, der Justinus Kerner verehrt hat, kannte das berühmte Weinsberger Domizil. Mehr als einmal schickte der Vater den Jungen auf einen Fußmarsch zum Haus bei der Weibertreu und ließ dem Doktor Kerner für seinen gastfreien Haushalt neben Blumen vor allem frisches, feines Gemüse bringen.

Wenige Jahre nach dem Erscheinen der lyrischen Gedichte, man schrieb das Jahr 1846, erlebt die Öffentlichkeit einen ganz anderen Ludwig Pfau. Der 25jährige, dessen Vater sich den württembergischen Demokraten in der Uhlandschen Prägung und Tradition verbunden fühlte, entdeckte nun die Politik und entzückte oder verärgerte seine Leser mit politischen Gedichten, die eine intensive Beschäftigung des jungen Pfau mit Schubart, mit Uhland, mit Heinrich Heine und ganz sicher aber die Kenntnis der Herweghschen politischen Lyrik, der "Gedichte eines Lebendigen" verraten.

Zwei Gedichte vor allem müssen aus dieser Zeit des Vormärz genannt werden, der "Herr Biedermaier" und "Der Auswanderer". Die Ironie, die satirische Eleganz des "Herr Biedermaier" hat überdauert. Nicht vergessen sei aber auch die Eindringlichkeit, mit der Pfau, angerührt vom Elend jener Mitbürger, die unter der gerade beginnenden großen Not zu leiden hatte, die neue Welt als paradiesisches Auswanderungsziel preist:

"...da blüht ein neues Vaterland,
Da taut aufs Land der Freiheit Segen,
Dass alle Kräfte froh sich regen -
Wo wir auch seien,
Gott ist da!
Auf Kinder! Nach Amerika!"

Zur Biographie des Ludwig Pfau gehört an dieser Stelle der Hinweis, daß Philipp Pfau, der Vater Ludwigs, unter dem Eindruck der politischen und wirtschaftlichen Not in Deutschland im Jahre 1949 mit vielen anderen Anhängern der bürgerlichen Revolution von 1848 nach Ohio ausgewandert ist, um dort im fortgeschrittenen Alter der "Freiheit Segen" zu erlangen.

Daß sich der junge Ludwig Pfau in der Zeit des Vormärz der Politik zugewandt hat, ist, bedenkt man den Einfluß des Vater und wohl auch der Freunde des Vaters im damaligen Heilbronn, nicht weiter verwunderlich. Bemerkenswert bleibt jedoch der Ort, an dem die Hinwendung zum Politischen geschah. Es war das Paris des Bürgerkönigs Louis Philipp, das Paris des neuen Reichtums und eines Massenelends, das nicht zuletzt deutsche Auswanderer, die in Frankreich Arbeit suchten, in Verzweiflung stürzte. Der Gärtnergehilfe Ludwig Pfau, der als Volontär in eine Handelsgärtnerei bei Paris eingetreten war, um seine Fachkenntnisse zu erweitern und ein fremdes Land kennenzulernen, gewann bei diesem Aufenthalt Erfahrungen, die ihn bis zu seinem Tod begleitet haben. Er, der alsbald die Stelle in der Gärtnerei aufgab, um im nahen Paris seine Neigung zur bildenden Kunst, zur Malerei und zum Zeichnen zu entwickeln, erkannte jedoch die Grenzen seines künstlerischen Talentes und vertiefte sich nun intensiv in Sprach- Literatur- und Lebensstudien. In die Heimat zurückgekehrt, folgte er seiner nun endgültig geweckten Neugierde für Literatur und Philosophie bei Studienaufenthalten in Heidelberg und Tübingen. Friedrich Theodor Vischer gehörte eine Zeit lang zu seinen Lehrern. Das Verhältnis zwischen Vischer und Pfau trübte sich später, als sich Vischer in den Augen seines einstigen Schülers Ludwig Pfau mehr dem Zeitgeist annäherte als der konsequent alles Obrigkeitsstaatliche ablehndende Pfau für angemessen hielt.

Der Zeit in Tübingen folgte in Stuttgart die Gründung eines satirischen Blattes, des "Eulenspiegel". Heute eine Rarität , die glücklicherweise noch im Heilbronner Stadtarchiv einzusehen ist, in den großen Bibliotheken aber fehlt.

Ein "Karikaturenblatt" nannte es Pfau, denn die satirische Zeichnung war ihm so wichtig wie der Text. Die Neuerscheinung bereicherte Pfau in der Revolutionszeit mit politischen Gedichten, die bei den Revolutionsfreunden rasch seinen Ruhm gemehrt und den Haß seiner Gegner angestachelt haben.

Zwei dieser Gedichte seien hier erwähnt, weil sie schon in der Revolutionszeit von 48/49 auf die antipreußisches Haltung des späteren Volksparteilers Pfau hinweisen. Das ist einmal das Gedicht mit dem Titel "Zum 18. März 1848", beginnend mit der Strophe:

"Vor dem Berliner Schlosse -
ertönt ein Trauerlied -
da liegen viele hundert Tote -
sie liegen in Reih und Glied -
Und Leich um Leiche tragen -
die Bürger stumm heran -
als wollten sie sagen: König!
da sieh, was du getan!"

Eine Fortsetzung dieses, wenn ich es recht weiß, auch vielfach vertonten Gedichtes von Pfau, war das "Badische Wiegenlied". Es beginnt:

"Schlaf mein Kind,
schlaf leis
dort draussen geht der Preuss.
Deinen Vater hat er umgebracht,
deine Mutter hat er arm gemacht..."

Dieser Beitrag Pfaus zum badisch-pfälzischen Aufstands und zu den Rastatter standrechtlichen Erschießungen der vielen Aufständischen, denen die Flucht in die Schweiz und von dort nach Frankreich oder Amerika nicht gelungen war, dieses "Badische Wiegenlied" zielte genau so wie das Lied "Zum 18. März 1848" auf die Brutalität, man kann es nicht anders nennen, mit der Prinz Wilhelm von Preussen, der spätere Deutsche Kaiser Wilhem I., zuerst die Berliner Demonstration und später dann den Aufstand am Oberrhein niedergeschlagen, "nieder kartäscht" hatte, wie die Zeitgenossen meinten, weshalb sie diesen, nun wieder am Deutschen Eck zu Koblenz als Reiterstandbild zu besichtigenden Fürsten den Beinamen "Kartätschenprinz" gaben.

Die Toten vor dem Berliner Schloß, die Opfer der Rastätter Exekutionen, sie haben Ludwig Pfaus politisches Credo ein ganzes Leben lang bestimmt. Mit einem von diesem König und Kaiser Wilhelm repräsentierten und von Bismarck regierten Preussen-Deutschland hat Pfau nie seinen Frieden gemacht.

Davon geben nicht zuletzt Polemiken und Kommentare Zeugnis, die Ludwig Pfau nach seiner Rückkehr aus dem erzwungenen Exil im Stuttgarter "Beobachter", dem Blatt der Demokraten, veröffentlicht hat. Ein Beispiel sei aus dieser Zeitung zitiert. Es stammt aus dem Jahr 1865, ist geschrieben nach dem Krieg gegen die Dänen und vor dem Krieg von 1866, in dem die Württemberger ebenso wie die Bayern auf der Seite des Bundes und Österreichs gegen die preussische Militärmacht gefochten und den Kampf verloren haben.

"Von Recht und Gesetz" schrieb Pfau am 5. Februar dieses denkwürdigen Zwischenkriegsjahres 1865," von Recht und Gesetz wagen Bismarck und Rechberg (der österreichische Minister) zu sprechen, und nicht weniger unsere württembergischen Minister, obwohl sie die Grundrechte beseitigt, das Wahlgesetz aufgehoben, das Privilegium wieder aufgerichtet und so Rechtsbruch an der Stelle von Recht und Gesetz geübt haben."

Es folgt an dieser Stelle ein bemerkenswerter Satz in Pfaus Kommentar:

"Es gibt kein Recht in Deutschland, solange das Belieben irgend eines Einzelnen und nicht der Wille der Nation das oberste Gesetz ist."

Dieser Satz erinnert mich an Uhlands Gedicht, in dem es heißt:

"... Und Freie seit ihr nicht geworden, wenn ihr das Recht nicht festgestellt."

Württembergische Demokraten, nicht die Liberalen, haben dieses Uhlandwort auch noch in unserem Jahrhundert immer wieder zitiert. Auf der Suche nach den Traditionslinien, in die ein Ludwig Pfau eingebunden war, wird man solche Bekundungen besonders beachten müssen. Pfau war im Jahre 1864 zusammen mit Julius Haußmann und Karl Mayer dem Jüngeren der Mitbegründer der württembergischen Volkspartei. Mit der Deutschen Volkspartei der Weimarer Zeit, der Nachfolgerin der Nationalliberalen Partei, hatte diese Volkspartei nichts, aber auch gar nichts gemeinsam. Die alte württembergische Volkspartei umfaßte das, was man im Königreich Württemberg unter den "Demokraten" verstand. Die Anhänger der Volkspartei nahmen das Wort "Demokratie" ganz für sich in Anspruch, ihre Führer waren im Sprachgebrauch ihrer Anhänger die "Volksmänner".

Nicht so sehr die Gleichheit als allgemeines Prinzip, wohl aber die Gleichheit vor dem Gesetz, die Rechtsgleichheit, gehörte zu ihren wichtigsten Zielen. Ihren grössten Sieg errang die württembergische "Demokratie" am Anfang unseres Jahrhundert bei der Änderung der Kommunalverfassung, beim Wahlrecht, das u.a. die lebenslängliche Amtszeit der Schultheißen und damit manche Dorftyrannei beendete. Namen wie Conrad und Friedrich Haussmann, wie Friedrich Payer waren damals in aller Munde. Pfau hat diesen Sieg nicht mehr erlebt. Das württembergische Wahlvolk hatte ihnen, den "Volksmännern" bei der Landtagswahl die Mehrheit und damit das Mandat zur Durchsetzung von mehr Bürgerrechten gegeben. Der erste in der Reihe dieser württembergischen Volksmänner, unter denen Ludwig Pfau ein wichtiger Platz gebührt, war der bereits erwähnte Ludwig Uhland.

Es scheint mir, daß er es auch gewesen ist, der, beginnend bei dem Kampf ums "alte, gute Recht" am Ende der napoleonischen Ära, den Begriff "Volk" in Württemberg als Kampfbegriff in die politische Agitation eingeführt hatte. Die Literaturwissenschaft mag beim Uhlandschen Volksbegriff auf dessen romantische Dichtungen hinweisen, auch auf manche seiner germanistischen Studien, auf dem Felde der Politik und speziell der Verfassungsdiskussion operierte Uhland mit dem Volksbegriff gegen jede Art von Privilegium. Im Namen des Volkes wandte er sich z.B. gegen die Zweiteilung der Kammer, die er 1819 freilich am Ende nicht verhindern konnte. Die Mitwirkung des Volkes aber verlangte Uhland, der Dichter und der Jurist, ganz besonders bei einer unabhängigen Rechtsprechung, bei der Besetzung der Gerichte auch mit Laien, mit Schöffen, mit Geschworenen. Damit blieb er schließlich ebenso erfolgreich wie mit der Forderung nach dem Vertragscharakter der Verfassung, die Konstitution, die als Übereinkommen zwischen dem Fürsten und dem Volk zu gelten habe. So bleib denn im Königreich Württemberg kein Raum für ein "Gottesgnadentum", das dem Volk "in gnädiger Herablassung", wie ein Nestroy zu sagen pflegte, eine Verfassung gewährt hätte.

Das sind die Ausgangspunkte jener württembergischen volksparteilichen Tradition, der sich schon der junge Ludwig Pfau zeitlebens verbunden gefühlt hat, sicherlich auch angespornt von seinem Vater.

Ich will hier ausdrücklich hervorheben, daß in den Gedichten Pfaus, auch in seinen heute noch zugänglichen Aufsätzen und Kommentaren - der Nachlaß ist ja bedauerlicherweise im Zweiten Weltkrieg bei einem Bombenangriff auf Stuttgart unwiederbringlich verloren gegangen - daß also in den überlieferten Zeugnissen aus Pfaus Feder nichts auf die spätere völkische Inanspruchnahme des Volksbegriffes hinweist, auf ein, bis heute übrigens in unserem Grundgesetz immer noch präsentes angebliches Blutserbe (siehe Artikel 116). Auch wenn Pfau in dem oben genannten Zitat aus dem Jahre 1865 den "Willen der Nation" beschwört, ist es sicherlich erlaubt, die von Pfau apostrophierte Nation als eine Willensgemeinschaft und als eine Wertegemeinschaft zu verstehen, wie sie uns aus der Aufklärung und aus der Französischen Revolution überliefert worden ist. Nation ohne Demokratie - eine deutsche Möglichkeit und Merkwürdigkeit zugleich, die den "deutschen Sonderweg" gegenüber all dem begründet, was wir "westliches Denken" nennen - diese völkische aber nicht demokratische Nation, die dann nach 1866 und vor allem nach 1871 nicht zuletzt wegen der Untreue der Nationalliberalen - sie hießen zu Pfaus Zeiten in Württemberg übrigens Deutschparteiler - gegenüber dem demokratischen Prinzip Gestalt angenommen hat, sie war einem Ludwig Pfau so fremd, wie ihm jeder Macht- und Obrigkeitsstaat stets verhaßt gewesen ist.

Sein Ideal war eine Nation, die sich als "res publica", als Republik konstituiert, als eine Rechtsgemeinschaft, in der die Rechte des Einzelnen gewahrt, die Mitwirkung aller mündigen Bürger an der politischen Willensbildung gewährleistet und - das soll hier nicht übersehen werden - die Macht im Staat möglichst dezentralisiert ist.

Pfau hat gewiß aus der französischen Revolution vieles in sein politisches Denken übernommen, für ihn kam das "Licht" aus dem Westen - ich erinnere hier an die Gedichtszeile "auch wenn es stets im Westen tagt" - aber er hat auch, anders als die einstigen französischen Revolutionäre und viele ihre Nachfahren - kaum jemals einen Zweifel daran gelassen, daß die Volksrechte am besten in föderativ gegliederten Staatsverbänden zu gewährleisten, zu sichern sind.

Ich will dies wiederum mit einem Zitat aus dem "Beobachter" verdeutlichen, das aus dem Jahre 1865 stammt. In klarer Erkenntnis dessen, was die Konsequenzen der im Bismarckschen Sinne gelösten Schleswig-Holsteinischen Frage für die süddeutschen Staaten bedeuten werde, schrieb Pfau am 6. Februar 1865:

"Wir wollen das föderative Leben Deutschlands nicht zu Gunsten eines unter der Fuchtel der Militärherrschaft und Polizeiwillkür stehenden Preußentums gefährdet wissen. Die Dynastien der deutschen Mittelstaaten könnten deshalb aufrichtige Bundesgenossen in ihren Völkern finden, wenn sie klug genug wären, an der Spitze der Nation statt im Schweife der Großmächte zu marschieren. So mögen sie denn ihr Schicksal erfüllen."

Nun, nach Pfaus Meinung haben diese Mittelstaaten, Württemberg eingeschlossen mit der Unterschrift unter die Reichtsgründungsakte im Jahre 1871, bezeichnenderweise nicht auf deutschem Boden, sondern im Schloß Ludwigs XIV. in Versailles, ihr Schicksal erfüllt.

Die Kaiser-Proklamation von Versailles war freilich nur die Konsequenz einer Entwicklung, die das Königreich Württemberg schon am Ende des Krieges von 1866 unter eine preussische Vorherrschaft gebracht hatte. Die Württemberger erkauften ihre ungeschmälerte Weiterexistenz nach der Niederlage im sogenannten "Kartoffelkrieg" mit einem zunächst geheimen Zusatzvertrag, der dem Preussischen König im Ausnahmefall die letzte Entscheidung über Krieg und Frieden zusicherte. Ein aus Preussen stammender Kriegsminister reorgansisierte von da an das württembergische Heer. Die Landtagsopposition der Demokraten, angeführt von Pfaus Weggefährten Karl Mayer, blieb dagegen machtlos.

Beim Beginn des Krieges gegen Napoleon III, resignierten auch die oppositionellen württembergischen Demokraten. Sie billigten schließlich die geforderten Kriegskredite.

Pfau, der ebenso wie Julius Haußmann nie einem Parlament angehört und, was besonders erstaunlich ist, auch nie in der Öffentlichkeit als Redner, Agitator, wie man damals sagte, aufgetreten ist, war als Nichtparlamentarier einer öffentlichen Entscheidung enthoben. Er muß damals, nach allem was wir von ihm wissen, in einer schwierigen Lage gewesen sein. Einerseits schätzte er Frankreich und die französische Aufklärungstradition, andererseits verachtete er den bramarbassierenden Emporkömmling Napoleon III. Bei aller Abneigung gegen Bismarck und dessen preussische Militär- und Machtpolitik wußte Ludwig Pfau aber auch, daß die Ereignisse von 1870/71 und damit die, nach Pfaus Überzeugung, deutsche "Fehlentwicklung" zu einem preussisch dominierten Nations- und Machtstaat nicht die Ursache, sondern die Folge weiter zurückreichender historischer Prozesse gewesen waren. Zu denken war hier vor allem an das Scheitern der bürgerlichen Revolution von 1848.

Einmal Verlierer, immer Verlierer? So schien es. Allerdings beschränkte sich jetzt die Gruppe der Verlierer im Jahre 1871 in Württemberg nicht auf die Demokraten, die Volksmänner, und ihre, mit dem deutsch-französischen Krieg eine Zeitlang arg geschrumpfte Anhängerschaft. Zu den Verlierern gehörte auch die Stuttgarter Hofpartei, nach aussen sichtbar repräsentiert durch einen Mann, der dem württembergischen König viele Jahre zuerst als Außenminister, dann als Justizminister und als Vorsitzender des Geheimen Rates gedient hatte. Sein Name klingt zumindest in den Ohren der Älteren bekannt und ist es auch: Es war Konstantin Freiherr von Neurath, der Großvater jenes Konstantin von Neurath, den Hitler am 30. Januar 1933 in seinem Amt als Reichsaußenminister bestätigt hatte.

Neurath gab sein Ministeramt nach dem verlorenen Krieg von 1866 auf - er mußte auf preussischen Druck aus der württembergischen Regierung ausscheiden. Im Jahre 1870 stimmte der in Enzweihingen beheimatete Adelige als einziges Mitglied der Ersten Kammer gegen die verlangten Kriegskredite.

In der Zweiten Kammer gab es damals ebenfalls einen standhaften Kreditverweigerer: Franz Hopf aus Hohenhaslach, den Abgeordneten des Oberamtes Vaihingen, ursprünglich Pfarrer, aber aus politischen Gründen vorzeitig aus dem Pfarramt entfernt.

Hopf hat seinen entschiedenen Widerstand gegen den preussisch oder deutsch-französischen Krieg im Landtag in prägnanter Weise begründet. Konstantin von Neurath gab die eigentliche Begründung für sein Nein zu Bismarcks Krieg schon fünf Jahre vorher zu den Akten.

Als er 1866 sein Ministeramt aufgab, ließ er König Karl in einer, wie mir gesagt wurde, etwa dreissig Seiten umfassenden Denkschrift wissen, daß die von der Großmacht Preussen betriebene Politik den Frieden in Europa gefährde. Man müsse als Konsequenz einer derartigen Machtrivalität zwischen Deutschen und Franzosen für die nächsten hundert Jahre deutsch-französische Kriege befürchten. Eine bemerkenswerte, allerdings unbekannt gebliebende Vorhersage.

In dieser Prophezeihung war sich der Repräsentant der Hofpartei von Neurath einig mit den politischen Kräften, die ihm innenpolitisch stets mißfallen haben, mit den württembergischen Demokraten und mit deren von Ludwig Pfau redigierten Parteiblatt, dem "Beobachter". Allerdings ist den Demokraten die Neurathsche Denkschrift weder damals noch später bekannt geworden.

Die Volkspartei-Gründer haben bereits bei ihren ersten Jahrestreffen an Dreikönig 1864 und 1865, ganz ähnlich wie Neurath 1866, vor der verhängnisvollen Rivalität einer deutsch-französischen oder preussisch-deutschen und französischen Großmacht-Rivalität gewarnt. Ihr Sprecher Julius Haußmann forderte ein föderatives Deutschland in einem föderativen Europa. Der "Beobachter" diente als öffentliches Sprachrohr für dieses Projekt. Wieweit Pfau der eigentliche Ideegeber gewesen ist, läßt sich nicht mehr feststellen. Es ist in hohem Maße wahrscheinlich, daß Pfau und Haußmann, die im Jahre 1849 einer Verhaftung zunächst durch die Flucht in die Schweiz entkommen waren, sich bei ihren Föderationsplänen an der halb bundesstaatlichen, halb staatenbündischen Ordnung der Schweiz orientiert haben. Mit diesen Ideen, nämlich der Sicherung der Freiheit und der demokratischen Mitwirkung aller Bürger in einer dezentralisierten staatlichen Ordnung, unterschieden sich die württembergischen Demokraten von den meisten anderen freisinnig-demokratischen Politikern in Deutschland - ausgenommen die mit den Württembergern eng verbundenen Frankfurter Demokraten und ihr unbestrittener Führer Leopold Sonnemann. Er hatte 1856 die "Frankfurter Zeitung" gegründet, zunächst zum Zweck der Verbreitung seriöser Handels- und Börseninformation, bald schon jedoch auch als politisches Sprachrohr eines demokratischen Bürgertums. Ludwig Pfau war mit Leopold Sonnemann politisch und journalistisch eng verbunden. Für Sonnemanns "Frankfurter Zeitung" schrieb er vor allem, Beiträge über bildende Kunst. Dabei berichtete er u.a. über die Entwicklung der Malerei in Frankreich. Es scheint mir ziemlich sicher, daß die berühmte Malerschule von Barbizon deutschen Lesern auf diese Weise erstmals bekannt gemacht worden ist. Für Leopold Sonnemanns und dessen Gesinnungsfreunde, zu denen wir Ludwig Pfau zählen dürfen, bildeten die Begriffe "Preussen" und "Deutschland" Gegensätze.

Sonnemann selbst hat dies demonstriert, als er mit seinem Blatt im Jahre 1866 wegen der preussischen Besetzung der Reichsstadt Frankfurt nach Stuttgart auswich und seine Zeitung im württembergischen Exil als "Deutsche Zeitung" erscheinen ließ.

Prüft man die Liste der wichtigen Redakteure und Mitarbeiter der Sonnemannschen Frankfurter Zeitung, dann fällt auf, daß neben Pfau noch andere Württemberger bei diesem, wegen seiner Unabhängigkeit und Qualität gerühmten Blatt mitgearbeitet haben. Ich nenne hier nur den wie Pfau aus Heilbronn stammenden Albert Oeser. Er trat 1902, 24-jährig, in die Handelsredaktion der FZ ein und befand sich bereits in leitender Funktion, als der sechs Jahre jüngere Heilbronner Landsmann Theodor Heuss seine Mitarbeit beim Feuilleton der "Frankfurter Zeitung" begann. In der von Oeser geleiteten Handelsredaktion besaß kein Redakteur auch nur eine einzige Aktie. Sonnemann und Oeser kannten die Versuchungen von Herrschaftswissen und "Insider-Informationen".

Ludwig Pfau, der Streitbare, publizierte nach 1871 nicht nur im "Beobachter" sondern auch in der "Frankfurter Zeitung" und dort bezeichnenderweise im Kulturteil seine Attacken gegen das ungeliebte Preußentum. Das Referat über eine Kunstausstellung in München nutzte Pfau, um in dem Frankfurter Blatt über das "kulturschädliche preussische Regiment" zu klagen. Die Strafanzeige aus Berlin, ausgefertigt auf einem der damals allgemein bekannten Bismarckschen Strafformulare, zitierte Pfau vor das Frankfurter Stadtgericht. Drei Monate Gefängnis erhielt der Kritiker. Bei diesem Verfahren hielt Pfau übrigens die einzige öffentliche Rede seines Lebens, richtiger gesagt: er verlas einen sorgfältig ausgearbeiteten Schriftsatz den man alsbald gedruckt lesen konnte. Verbüßt hat Pfau die Gefängnisstrafe in seiner Vaterstadt Heilbronn.

Verfahren dieser Art- ein anderes, einer Fehde mit dem "Staatsanzeiger von Württemberg" entsprungen, kostete Pfau zwei Wochen Haft-Verfahren dieser Art dienten Ludwig Pfau auch als Beweis dafür, daß die Deutschen den falschen Weg gegangen waren, als sie sich der preussischen Macht gebeugt hatten. Bis zu seinem Tode hielt er an der Überzeugung seiner Jugendjahre fest, die auch der Überzeugung seiner Mitstreiter von 1848/49 entsprang: "Zuerst die Freiheit, dann die Einheit", nicht aber, wie die Anhänger des Nationalvereins meinten: "Durch Einheit zur Freiheit". Wer den Weg des Nationalvereins gehe, der verspiele am Ende Demokratie und Freiheit - das blieb Pfaus Credo.

Die Historiker, die sich im allgemeinen für die Sieger, nicht für die Verlierer interessieren, haben diesen Ludwig Pfau konsequenterweise immer schon weitgehend ignoriert. In der "Schwäbischen Literaturgeschichte", von Rudolf Krauß fünf Jahre nach Pfaus Tod erstmals publiziert, findet sich jedoch eine Würdigung des Heilbronner Dichters und "Volksmannes". Für Krauß bestand an Pfaus Talent zwar kein Zweifel, aber, meinte der Literaturhistoriker, der Dichter "halte ohne Zweifel in seinem Pathos zu wenig Maß". In seinem "grimmigen Hohn" schieße er oft über das Ziel hinaus. Immerhin fand es Rudolf Krauß im Jahre 1899 tröstlich, daß bei Pfau wenigstens der "Patriotismus neben den revolutionären Tendenzen Raum" habe.

Bei Pfau als Kritiker lobte Krauß das Bemühen, die "Kunstkritik für das Bedürfnis des Lebens nutzbar zu machen." Hauptcharakterzug dieser Pfauschen Darstellungsweise sei "vollkommene Klarheit".

Vielleicht hätte diese Klarheit des Stils den Literaturhistoriker Krauß nicht so sehr erstaunt, hätte er bedacht, daß Ludwig Pfau in der Emigration für französische Zeitungen Beiträge in französischer Sprache schrieb und viele dieser Beiträge erst für die späteren Buchausgaben ins Deutsche übersetzte.

Wer sein Brot durch schriftstellerische oder journalistische Arbeiten in einer fremden Sprache verdienen muß, der geht durch eine harte Schule und wird dabei zur Klarheit erzogen.

Im Jahre 1921 hat Theodor Heuss den Landsmann zu dessen 100. Geburtstag in einem längeren Aufsatz gewürdigt. Heuss charakterisierte Pfau damals als einen "Mann voller Widersprüche, Großes und Kleines, Gewaltiges und Zierliches, Fremdes und Nahes" hätten ihn zeitlebens beschäftigt. "Er war Schwabe und Kosmopolit soweit das zusammengeht".

Über den Politiker Pfau gelangte Theodor Heuss zu dem Urteil, daß er und seine Weggefährten Julius Haußmann und Karl Mayer in erster Linie mit ihrer achtundvierziger Tradition "Politik nicht so sehr um der Macht willen als im Auftrage philosophischer und ethischer Ideale" getrieben hätten.

In diesem Punkt kann ich Heuss nur mit Vorbehalt zustimmen. Neben dem Idealismus der Achtundvierziger existierte auch ein Realismus, der bei uns und anderswo oft verkannt worden ist und immer noch verkannt wird. Dieser Realismus betrifft die Forderung nach der Verwirklichung der Menschenrechte samt der Forderung nach bedingungsloser Rechtsstaatlichkeit, die sich die württembergischen Volksmänner, ihrem Vorbild Uhland folgend, zu eigen gemacht hatten, sei es in journalistischen Beiträgen, sei es in literarischer Form, die der junge Pfau als Mittel der Aufklärung oder der Agitation so wirkungsvoll zu handhaben wußte.

Diese Achtundvierziger haben genau 100 Jahre nach ihrer Niederlage doch noch gewonnen, wenn auch kaum bemerkt von ihren Nachfahren, von uns. Der Katalog unabänderbarer Grundrechte, der das Bonner Grundgesetz von 1949 einleitet, ist im Kern nichts anderes als das Erbe dieser einst gescheiterten Achtundvierziger.

Auf der Suche nach einer Identität, die sich nicht auf eine völkische Tradition und stattdessen auf das Bekenntnis zu einem Wertekatalog gründet, auf dieser Suche haben uns die alten Volksmänner, hat uns ein Ludwig Pfau heute mehr zu sagen als mancher von denen, die in unseren Geschichtsbüchern als "Große Deutsche" verzeichnet sind. Deshalb hat auch nicht nur die Stadt Heilbronn guten Grund, sich dankbar an Ludwig Pfau zu erinnern.


Mit freundlicher Genehmigung des Autors